Die Zeit der Drei Reiche ist bis heute eine der faszinierendsten Epochen der Geschichte Chinas und immer wieder Quelle der Inspiration. Für ein exklusives Interview durften wir mit dem aus Hongkong stammenden Manhuajia Chan Mou über sein gewaltiges Historienepos »The Ravages of Time« sprechen und dem Menschen hinter dem Künstlernamen näherkommen.
Chan Mou, was übersetzt so viel wie »Mister Chan« bedeutet, hat die unglaublich vielschichtige Historie derart in ihren Bann gezogen, dass er kurzerhand die Arbeit als Graphic Designer aufgab und seine Hände fortan filigrane Comiczeichnungen statt Werbung auf Papier zum Leben erwecken ließ.
Chinabooks hat dem besonderen Künstler einen verdienten Platz im eigenen Portfolio geschaffen und präsentiert mit Stolz seinen internationalen Erfolgshit »The Ravages of Time« der deutschsprachigen Leserschaft.
In Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Verlag durften wir in die hochwertige Sammelbandausgabe eintauchen und Chan Mou sowie seinem außergewöhnlichen Werk näher auf den Zahn fühlen. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen.
Interview mit Chan Mou
Hallo Chan Mou, vielen Dank, dass du dir Zeit für uns nimmst! Möchtest du dich zu Beginn unseren Lesern kurz vorstellen?
Hallo zusammen! Ich bin Chan Mou, Manhua-Künstler aus Hongkong. Früher habe ich in der Werbebranche gearbeitet. Da ich aber schon seit meiner Kindheit leidenschaftlich gerne zeichne, habe ich meinen Job gekündigt, um mich ganz dem Zeichnen von Manhua zu widmen.
In deinem international erfolgreichen Werk »The Ravages of Time« entführst du deine Leser in die Zeit der Drei Reiche und lässt diese Epoche auf beeindruckende Weise neu aufleben. Du selbst hast einmal gesagt, dass deine Faszination für diese Zeit ungebrochen ist. Was hat diese Begeisterung ursprünglich in dir geweckt?
Bevor ich mit meiner Arbeit als Manhua-Künstler begann, folgten Werke über die Zeit der Drei Reiche meist demselben, eher eintönigen Muster. Deshalb wollte ich etwas schaffen, das Fans dieser Epoche wirklich gerne lesen würden. Je weiter ich daran arbeitete, desto größer wurde die Resonanz – und irgendwann konnte auch ich selbst nicht mehr damit aufhören.
Im dritten Band der deutschsprachigen Deluxe-Ausgabe von Chinabooks gibst du in einem Nachwort vom 3. Oktober 2012 Einblicke in deine Arbeitsweise und deine persönliche Herangehensweise. Darin sprichst du auch über deine intensive Auseinandersetzung mit der damaligen Kriegsführung – und beim Lesen spürt man deutlich deine Leidenschaft und Faszination. Was genau fesselt dich so an den Strategien und Methoden dieser Zeit?
Die Strategien und Taktiken der Antike sind für die Menschen von heute oft nicht leicht nachzuvollziehen. Doch die Bewunderung für die Helden jener Zeit ist bis heute dieselbe. Deshalb habe ich einfach die Strategien und Herangehensweisen dargestellt, die mich persönlich am meisten fasziniert haben.
Gab es eine bestimmte List oder ein strategisches Manöver aus den historischen Überlieferungen, das dich besonders fasziniert oder vielleicht sogar nachhaltig beeinflusst hat?
Den größten Einfluss auf mich hatten weniger die Kriegsstrategien als vielmehr die politischen Intrigen. Sie sind letztlich der Auslöser für alles, was geschieht – und genau darum dreht sich »The Ravages of Time« im Kern.

Auch heute werden weltweit noch Kriege geführt. Wenn du die damalige Zeit mit der Gegenwart vergleichst: Wie hat sich die Art der Kriegsführung deiner Meinung nach verändert?
Früher wurden Kriege vor allem durch militärische Strategien und die Stärke der Armeen entschieden. Heute werden sie mit Geld, durch Wahlen und mithilfe der Medien geführt. Der Einfluss traditioneller Religionen ist dabei natürlich bis heute erhalten geblieben.
Du hast deine Faszination für die Zeit der Drei Reiche einmal mit einem Feuerphönix verglichen. Was bedeutet dieses Bild für dich – und was macht den Feuerphönix in diesem Zusammenhang so besonders?
Die Zeit der Drei Reiche ist seit jeher das beliebteste Thema der chinesischen Kultur. Es gibt zahlreiche moderne Adaptionen, doch die meisten entfernen sich entweder stark von der traditionellen Geschichte/historischen Tradition oder halten sich nahezu unverändert an das Original.
»Der Feuerphönix« ist in dieser Hinsicht etwas Besonderes, weil er innerhalb dieser Tradition eine nachvollziehbare und rationale Art der Rebellion offenbart/darlegt. Genau über diesen Aspekt schreiben die wenigsten – obwohl sich viele Fans der Drei Reiche genau das wünschen.
In deinem Werk rückst du die Sima-Familie stark in den Mittelpunkt der Handlung. Was hat dich dazu bewegt, gerade sie zur zentralen Achse deiner Geschichte zu machen? Und wie verhält es sich mit den sogenannten »Krüppelkriegern«: Gibt es dafür historische Vorbilder oder Überlieferungen – oder entspringt dieses Konzept deiner eigenen kreativen Idee?
Die Geschichte der Drei Reiche endet auf tragische Weise, da die Familie Sima schließlich die Macht an sich riss. Und weil Geschichte bekanntlich von den Siegern geschrieben wird, erzähle ich meine eigene Version mit einem Happy End.
Was die »Krüppelkrieger« betrifft: Sie sind reine Fiktion. Da die Antike jedoch vom Kampf mit sogenannten kalten Waffen geprägt war, trugen viele Menschen Verletzungen aus dem Krieg davon und lebten anschließend mit Behinderungen. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass sie nutzlos waren – auch sie konnten noch Großes leisten.
Gab es unter den historischen Anführern der Zeit eine Persönlichkeit, die dich besonders fasziniert hat? Und gibt es vielleicht sogar einen Lieblingscharakter – sei es aus der Geschichte selbst oder aus deinem eigenen Werk?
Meiner Meinung nach zeichnet sich ein guter Anführer dadurch aus, dass er politische Mittel einzusetzen weiß, anstatt Kriege zu führen und unnötig Blut zu vergießen. Deshalb schätze ich jemanden wie Sima Yi, der sich aus dem inneren Machtzirkel heraus Schritt für Schritt an die Spitze arbeitete.

Wenn du in der Zeit der Drei Reiche gelebt hättest: Welche Rolle hättest du wohl eingenommen – und auf wessen Seite hättest du gestanden?
Ich wäre wohl Liu Shan, der Sohn von Liu Bei. Dann hätte ich mein ganzes Leben in Hülle und Fülle genießen können.
Hand aufs Herz: Wie viel Zeit hast du im Laufe deines Lebens mit dem Studium historischer Quellen, Legenden und Mythen verbracht? Und wie viel Recherche steckt konkret in »The Ravages of Time«? Wo findest du dabei die für dich spannendsten und relevantesten Materialien?
Ich habe dafür keine besondere Recherche betrieben, sondern mich in meiner Freizeit einfach intensiver mit der Zeit der Drei Reiche beschäftigt als die meisten anderen. Die beste Quelle ist nach wie vor die »Chroniken der Drei Reiche«. Man muss sie nicht bis ins kleinste Detail studiert haben – entscheidend ist, sie wirklich zu verstehen, um daraus sinnvolle Schlussfolgerungen ziehen zu können.
Die erzählerische Dichte deiner Story wird von ebenso detailreichen Zeichnungen begleitet. Besonders auffällig sind die Dynamik sowie die Vielfalt und Genauigkeit bei Kleidung und Accessoires – von unterschiedlichen Provinzen bis hin zu sozialen Ständen und Rängen. Wie wichtig ist dir eine möglichst differenzierte und authentische Darstellung in diesem Bereich? Und stützt du dich dabei auf konkrete historische Quellen oder lässt du hier auch bewusst deine eigene Kreativität einfließen?
Vielen Dank für die netten Worte. Die Kleidung entspringt vollständig meiner eigenen Fantasie. Im Gegensatz zu vielen anderen Manhua-Künstlern habe ich einfach auf tiefe Ausschnitte und Miniröcke verzichtet – und schon wirkte das Design deutlich realistischer.
Wenn du dein Werk betrachtest: Wie würdest du das Verhältnis zwischen historisch belegten Elementen und künstlerischer Freiheit einschätzen?
Ich würde sagen, es hält sich ungefähr die Waage. Letztlich ist »The Ravages of Time« immer noch ein Manhua – da gehört ein gewisses Maß an Übertreibung einfach dazu. Gleichzeitig hat die Serie im Laufe der Zeit einen sehr eigenständigen und ausdrucksstarken Zeichenstil entwickelt, der von den Leserinnen und Lesern geschätzt wird.

Hierzulande erscheint dein historisches Actiondrama seit rund einem Jahr bei Chinabooks, während es insgesamt bereits sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Worauf dürfen sich deine Fans im deutschsprachigen Raum in Zukunft besonders freuen?
Ich freue mich sehr darauf, mich mit den deutschen Leserinnen und Lesern auszutauschen, und möchte mich herzlich beim Verlag [Chinabooks] bedanken. In »The Ravages of Time« finden sich zahlreiche Zitate und Anspielungen auf die antike chinesische Literatur.
Das zu übersetzen, ist alles andere als einfach. Sollte »The Ravages of Time« in Deutschland erfolgreich sein, dann werden Verlag und Übersetzung einen entscheidenden Anteil daran haben. Ich freue mich schon jetzt über ihren Erfolg.
In wenigen Wochen erscheint dein 80. Originalband. Zeichnet sich für dich langsam ein Ende der Geschichte ab – oder hast du noch viele Kapitel vor dir?
Gerade ist der 82. Band erschienen, und die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Auch die Leserschaft sehnt sich nicht nach einem Abschluss, sondern hat weiterhin Freude daran, die Geschichte zu verfolgen. Das ist etwas Wunderbares.
Im vergangenen Jahr ist die zweite Staffel der Donghua-Adaption erschienen. Inwieweit bist du als Schöpfer in die Umsetzung der Animation eingebunden? Und wie ist es für dich, deine eigenen Charaktere in Bewegung auf dem Bildschirm zu sehen?
Ich selbst bin in den Entstehungsprozess kaum eingebunden. Das Team hält sich sehr eng an das Original, was mich ungemein beruhigt. Es macht mich wirklich glücklich, meine eigenen Figuren in Bewegung zu sehen.
Nach deinem preisgekrönten Erstlingswerk »Unmenschlich«, das ebenfalls in der Zeit der Drei Reiche angesiedelt ist, hast du mit »Hochstaplergott« einen ganz anderen Ton angeschlagen und dich dem Dark-Fantasy-Genre zugewandt, in dem du historische Elemente mit Übernatürlichem wie Vampiren verbindest. Wie ist diese Idee entstanden?
Ich habe schon immer geglaubt, dass hinter den alten Mythen vielleicht außerirdische Wesen stecken könnten. Genau dieser Gedanke macht »Hochstaplergott« für mich so besonders. Schade nur, dass mein düsterer Zeichenstil anfangs nicht so gut ankam. Mittlerweile möchten ihn jedoch immer mehr Menschen sehen.

Wie bist du ursprünglich zum Manhua-Zeichnen gekommen – und was hat dich dazu bewegt, diesen Weg einzuschlagen?
In der Werbeagentur war ich als Art Director tätig und verbrachte einen Großteil meiner Zeit in Besprechungen. Irgendwann kam mir der Gedanke, wie schön es wäre, ein Projekt zu haben, für das ich allein verantwortlich bin. Genau das bedeutet Manhua für mich. Außerdem gibt mir diese Arbeit völlige kreative Freiheit – etwas, das mir die Werbebranche nie bieten konnte.
Was schätzt du an deiner Arbeit als Manhuajia besonders – und welche Aspekte empfindest du eher als herausfordernd oder weniger angenehm? Und ganz praktisch gefragt: Arbeitest du lieber analog oder digital?
Ich bin stolz darauf, dass dass ich meinem Manhua nun schon so viele Jahre treu geblieben bin. Gleichzeitig haben sich sowohl meine Zeichentechnik als auch meine Art zu erzählen stetig weiterentwickelt. Ich bin selbst gespannt, welches Niveau ich mit meinen Fähigkeiten noch erreichen kann. Auch heute arbeite ich noch überwiegend auf traditionelle Weise – lediglich die Buchcover entstehen digital.
Du bist inzwischen seit rund 30 Jahren im Comicbereich aktiv. Wie hat sich dein Arbeitsalltag in dieser Zeit verändert? Und würdest du sagen, dass sich auch der Comicmarkt und das Verlagswesen spürbar gewandelt haben?
Das Zeichnen nimmt einen großen Teil meines Lebens ein. Je besser ich werde, desto höher werden auch meine Ansprüche an mich selbst. Der Manhua-Markt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Nachwuchskünstler sind heute möglicherweise gar nicht mehr auf Verlage angewiesen, während sich die Verlagsbranche neue Wege suchen muss, um sich im digitalen Raum zu behaupten.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Lieblingscomic? Und wie sieht es heute aus – welche Titel würdest du unseren Lesern neben deinen eigenen besonders ans Herz legen?
An meinen allerersten Comic kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern. Da ich aber schon immer gerne gezeichnet habe, griff ich meist zu den Comics, deren Zeichnungen mir besonders gut gefielen. Wenn ich meiner Leserschaft einen Manga empfehlen dürfte, dann wäre es »Doraemon«. Mit dieser Reihe verbinde ich bis heute viele schöne Kindheitserinnerungen.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was machst du in deiner Freizeit am liebsten – und gibt es neben dem Zeichnen noch andere Leidenschaften, denen du gerne nachgehst?
In meiner Freizeit habe ich früher gerne Videospiele gespielt. Da sie meine Arbeit jedoch zu sehr beeinträchtigten, habe ich damit aufgehört. Geblieben ist mir nur die Leidenschaft für Fußball – den kann ich auch beim Zeichnen verfolgen. Ich schaue regelmäßig die Bundesliga und bin schon seit vielen Jahren Fan von Borussia Dortmund. Mein deutscher Lieblingsfußballer ist allerdings Pierre Littbarski.
Vielen Dank für das ausführliche und spannende Gespräch – und dass du dir die Zeit für uns genommen hast!


»The Ravages of Time«
(orig.: »Huo Feng Liao Yuan«)
Die Zeit der Drei Reiche – eine Ära der Helden, in der Herrscher aufsteigen und ebenso schnell wieder gestürzt werden, während das Land von Krieg und Intrigen zerrissen wird.
Auch die reiche Handelsfamilie Sima bleibt von diesen Umbrüchen nicht verschont. Angeführt wird sie von Sima Yi, der bereit ist, alles zu tun, um das Familienvermögen seines Familienclans zu schützen und die Sicherheit seiner Mitglieder zu gewährleisten.
Zu diesem Zweck gründet er den Geheimbund der Krüppelkrieger, den er einsetzt, um in die turbulenten Geschehnisse einzugreifen. Dabei entfaltet sich eine komplexe Handlung, die mit einer Vielzahl faszinierender Figuren und Ereignisse einem gewaltigen Schachspiel gleicht.
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Edle 2in1-Deluxe-Edition mit Goldfolie.
von Chan Mou · 24,90 Euro · 82 Originalbände (fortlaufend)
Wuxia, Action, Drama, Historisch
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